Gedanken zum Jahreswechsel 2025-2026

Das Zitat aus den Tagebüchern von Søren Kierkegaard „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“ passt erstaunlich gut zu diesem Jahreswechsel: 2025 liegt hinter uns, und vielen wird vielleicht erst jetzt sichtbar, was dieses Jahr im Inneren ausgelöst hat und was davon in die Gestaltung von 2026 einfließen kann.

2025 hat in meiner Wahrnehmung ein seltsames Spannungsfeld geöffnet. Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind mit echter Neugier in das Jahr gestartet. Die Vorstellung, dass KI vieles erleichtert, war motivierend: weniger Routinearbeit, mehr Zeit für das Wesentliche, neue kreative Möglichkeiten. Gleichzeitig hat sich im Laufe der Monate ein Gefühl breitgemacht und in meiner Beobachtung im Sommer/Herbst seinen Höhepunkt erreicht, nämlich dass etwas nicht aufgeht.

Überraschenderweise war es nicht die Technologie, die schwer zugänglich war. Tools wurden immer einfacher, Schnittstellen intuitiver, Einsatzgebiete zahlreicher. Das eigentliche Fragezeichen lag woanders: Wie verorte ich mich selbst in diesem neuen Kontext? Was bedeutet meine Art zu arbeiten, mein Denken, meine Haltung in einer Welt, in der KI plötzlich überall auftaucht? Und vor allem in einer Welt, in der nichts mehr sicher scheint, vielleicht sogar mein Arbeitsplatz oder meine geliebte Rolle im Unternehmen.

Vieles fühlt sich an wie ein Rennen. Man klickt, man probiert, man testet. Man liest, was andere tun, und fragt sich, ob man selbst „zu spät“ ist, ob man genug versteht, genug nutzt. Das gilt für die eigene Arbeit ebenso wie für das Unternehmen, in dem man arbeitet. Gleichzeitig bleibt unklar, was ein sinnvoller Einsatz überhaupt bedeutet. Geht es darum, „dabei zu sein“? Um Effizienz? Um Effektivität? Um Produktivität? Um Sichtbarkeit? Dieser Zustand erzeugt selten produktive Spannung, sondern vor allem inneren Druck. Und ein solcher Druck wirkt nachvollziehbar negativ.

Es ist verständlich, dass manche das Gefühl haben, „der Zug“ (oder viele Züge) sei bereits abgefahren. Und ja: Entwicklungen haben sich beschleunigt, frühe Nutzer haben Vorsprünge aufgebaut. Aber diese Perspektive übersieht aus meiner Sicht etwas Entscheidendes: Es ist nicht ein Zug, der abfährt und danach „einfach weg“ ist. Es ist ein Bahnhof mit vielen Gleisen, auf denen ständig neue Züge eintreffen und losfahren und das wird so bleiben. Und genau genommen sind es sogar viele Bahnhöfe!

Der eigentliche Vorteil liegt aus meiner Sicht nicht darin, beim ersten Zug dabei zu sein, sondern darin, bewusst zu wählen, welcher Zug für die eigene Richtung überhaupt passt. Und das kann nur derjenige tun, der weiß, wohin er fahren möchte. Wer also sein eigenes mentales Betriebssystem kennt und aus dieser Klarheit heraus entscheidet. Das ist keine Frage von Timing, sondern von Selbstverständnis. Dafür ist es nie zu spät.

Rückblickend könnte man sagen: 2023/2024 waren vereinfacht gesprochen aus Sicht von Künstlicher Intelligenz die Jahre der Neugier und der Skepsis. Ein vorsichtiges Herantasten, ein Abwägen der Chancen und Risiken. Und 2025 ist für viele zum Jahr der Überforderung geworden. Nicht, weil KI zu komplex wäre, sondern weil sie wie ein Spiegel wirkt, der plötzlich zeigt, wie unklar die eigene Arbeits- und Denkwelt oft strukturiert ist. Und dabei zeigt sich eben auch, dass die sinnvolle Nutzung von KI für die eigene Arbeit eher am Rande eine technologische Frage ist.

In vielen meiner Workshops und Coachings hat sich nämlich gezeigt, dass erstaunlich viele Menschen gar nicht genau wissen, wie ihr eigener Arbeitsprozess und der eigene Wertbeitrag im Kern aufgebaut sind. Es fehlt oft das Bewusstsein dafür, welche Schritte mit welchen Entscheidungen zusammenhängen, wo im Prozess der eigentliche Wert für Kunden entsteht, was ein gut formuliertes Problem ausmacht und wie man klar beschreiben kann, was man eigentlich erreichen möchte.

KI legt diese Unschärfen offen, ohne sie zu erklären. Sie zeigt, wo etwas fehlt, aber sie liefert nicht automatisch den inneren Bauplan nach. Das verstärkt das Gefühl von Überforderung, auch wenn es sich auf den ersten Blick „nur“ wie technischer Stress anfühlt. Es reicht eben auf Dauer nicht, selbst gut zu „prompten“ oder den Mitarbeitenden eine MS Copilot-Lizenz mit einer halbtägigen Einführung zu spendieren.

Denn genau hier wird Kierkegaards Satz relevant: Vorwärts leben und rückwärts verstehen. 2026 könnte ein Jahr werden, in dem dieses Verstehen in den Vordergrund rückt. Nicht im Sinne von „alles analysieren und nichts tun“, sondern im Sinne eines bewussten Innehaltens: Was ist da eigentlich gerade passiert? Wo bin ich nur gerannt und wo habe ich wirklich gestaltet? Wo kann ich für mich und meine Arbeit Künstliche Intelligenz sinnvoll nutzen? Die Fragen verschieben sich weg von: „Welche Tools muss ich kennen?“ hin zu: „Wie funktioniert meine eigene Denk- und Arbeitsweise eigentlich?“ Und wie kann ich das mit Einsatz von KI optimieren oder KI auch bewusst weglassen?

Wenn Menschen ihr Denken, ihre Strukturen, ihre Verortung in Abläufen und Wertströmen und ihre Intention klarer sehen, wird der Umgang mit KI leichter. Nicht, weil sie technisch versierter werden, sondern weil sie Orientierung in sich selbst finden. Diese innere Orientierung schafft einen stabilen Boden in einer Zeit, in der vieles neu verknüpft wird.

Darin liegt eine Zukunftskompetenz, die häufig gesucht, aber selten so benannt wird: die Fähigkeit, das eigene mentale Betriebssystem zu erkennen und aus dieser Klarheit heraus Entscheidungen zu treffen. Dann geht es nicht mehr darum, Trends zu verfolgen und ständig „hinterher“ zu sein. Stattdessen geht es darum, bewusst zu wählen, was wirklich unterstützt und was nur zusätzlichen Lärm erzeugt. Es geht um die persönliche Gestaltung dieser Herausforderung durch Menschen. Veränderung fühlt sich dann weniger wie Druck an. Sie wird zu einem Prozess, in dem man sich selbst wiederfinden kann. 2025 lässt sich dann rückwärts als Jahr der Überforderung verstehen und genau darin liegt die Chance für 2026: aus dem Erkennen der eigenen Unschärfen eine neue Klarheit zu entwickeln.

So kann das neue Jahr 2026 beginnen: nicht mit dem Vorsatz, „alles mit KI zu machen“, sondern mit der Entscheidung, das eigene Denken (und Lernen) besser kennenzulernen. Vorwärts leben: Ja! Aber mit dem Mut, rückwärts zu verstehen, um den nächsten Schritt bewusster zu setzen. Das bedeutet, zwei Kompetenzen zu verbinden: bewusstes Handeln nach vorne (Experimentieren, Entscheiden) und reflektierendes Auswerten nach hinten (Lernen aus Erfahrung), statt auf perfekte Planung oder totale Kontrolle zu hoffen.

Reaktionen auf diesen Beitrag

Ich habe diesen Blogbeitrag zum Jahreswechsel auch direkt als E-Mail an meine Kontakte versendet. Ich war über die Masse an Rückmeldungen überrascht, ebenso wie über die persönlichen Einblicke in den Antworten. Sie zeigen, dass das Thema KI polarisiert. Ich möchte daher ausgewählte Antworten an dieser Stelle ergänzen.

Antwort von Sonja*

Guten Morgen Herr Söllner, ein frohes neues und gesundes Jahr wünsche ich Ihnen und vielen Dank für diese spannenden Zeilen.

Ich bin ja noch Generation „Aufnehmen der Hitparade im ZDF mit einem Kassettenrekorder“, oder aufnehmen der Musik im Radio und hoffen, das der Moderator nicht reinquatscht. Ich muss ganz ehrlich sagen, mir geht das alles viel zu schnell, die Entwicklung rast immer weiter. Meine Tochter ist jetzt 17 und verlässt sich blind auf Chat GPT. Ich sage ihr immer hör auf, das ist teilweise eine Zusammenfassung von Unwahrheiten im Netz. Klar finde ich es auch lustig mich mit der KI mal zu unterhalten. Aber ich finde, wir verlernen selbstständig zu denken. Wir werden dumm. Und immer dümmer umso mehr KI unser Leben übernimmt. Und wir merken es nicht. Heute google ich alles, was mir in den Kopf kommt weil ich es in dem Moment einfach wissen will, habe es aber einen Tag später wieder vergessen. Früher gab es kein google. Wir hatten irgendein Lexikon Band zuhause, da konnte man mal was nachschlagen. Stand es nicht drin, wusste man es halt nicht. Dann hat man mit den Schultern gezuckt und weiter gings.

Wir schaffen uns mit KI selbst ab. Die Arbeitslosenzahlen werden in die Höhe schiessen, weil Arbeitgeber immer mehr Arbeitsplätze durch die KI ersetzen. Mein Arbeitsplatz ist genauso betroffen. Meinen Arbeitsplatz wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben, so wie viele andere Arbeitsplätze auch. Es wird immer mehr aufhören zu „menscheln“, ob Kundenservice, Dozent oder Kassiererin im Supermarkt. Wir lassen uns von -Robotern- übernehmen. Sitzen zuhause ohne Einkommen und finden das auch noch gut. Meine Kolleginnen würden jetzt wieder sagen „boah du und dein Pessimismus“ 😉

Ich stehe im Moment noch vor einem der Bahnhöfe und schaue zu wie alle wie wild durcheinander von Gleis zu Gleis rennen. Aber auch ich werde irgendwann einsteigen müssen. Aber dann in die Lok 1414 und nicht in einen ICE mit Betriebsstörung.

Und so wünsche ich Ihnen ein spannendes Jahr 2026. Beruflich wie privat 😊

* Name von mir verändert

Antwort von Matthias*

Guten Morgen Dierk, danke für die Mail, ich hab sie wirklich bis zum Ende gelesen und freu mich auch auf unsere weiteren Austausch.

Steve Jobs hat das mal „Connecting the dots“ genannt. Für mich persönlich bedeutet das zwei ganz spannende Dinge. Zum einen, dass alles, was ich im Moment tue, sich irgendwann in ein großes Ganzes einfinden wird. Und zum Zweiten auf einen Fundus an Tätigkeiten und Aktivitäten zurückblicken zu können, den ich zur Verfügung habe, um ihn zu einem großen Ganzen zusammenfügen zu können. Das klappt natürlich nicht immer alles in den Fundus packen zu können 🙂

In Sachen KI, Du hast uns ja schon zweimal in der Tiefe erlebt. Für mich ist das kein Tool. Gestern habe ich auf einen LinkedIn Kommentar wie folgt geantwortet:

“ Ich lasse die KI nicht was erarbeiten und arbeite dann nach. Wir sind in ständigem Austausch. Die meiste Zeit geht drauf mir Gedanken zu machen, wie ich was haben möchte. Ich plane vor, wir erarbeiten gemeinsam Optionen, ich ergänze und bringe weitere Ideen ein. Wir erarbeiten nach jeder Session LessonsLearned, die wieder in das Basiswissen einfließen. So habe ich jetzt zwei Programmierteams mit 7 Entwickler Rollen am Laufen und ein 3 köpfiges RZ Team. Das RZ Team aufzubauen hat etwas länger gebraucht, weil ich mir hab alles genau erklären lassen.“

* Name von mir verändert

Antwort von Steffen*

Hallo Dierk, dir auch ein frohes neues Jahr und vielen Dank für deinen wertvollen Beitrag!

Ich erhalte jede Woche so viele Newsletter mit vielen Worten und wenig Inhalt, da ist mir dein Newsletter heute morgen besonders positiv aufgefallen.

Du sprichst mir in vielen Punkten aus der Seele. Was die aufbauende Überforderung in 2025 angeht und das Infragestellen der Richtung, in die man sich mit KI bewegt.

Ich hatte in 2025 eine sehr ähnliche Erfahrung gemacht: Ich hab fast schon gehetzt immer stärker versucht, KI in meine Arbeit einzubauen in der Annahme, dass ich das jetzt müsste, um den Fortschritt mitzugehen. Der viele Output den ein LLM dann aber erzeugt, hat mich dann sukzessive immer mehr überfordert. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, wirklich was Neues zu lernen, sondern einfach nur Infos in mein Hirn reinzupressen, ohne dass sie sich wirklich mal setzen können oder mein Hirn Relevantes von Schrott aussortieren konnte.

Das ist dann im Laufe der Zeit ins Gegenteil umgeschlagen, sodass ich in der zweiten Jahreshälfte 2025 immer skeptischer ggü. KI-Ergebnissen und KI-Nutzung generell geworden bin. Ich glaube es geht vielen so.

Für 2026 möchte ich eine nüchternere Haltung einnehmen, nicht mehr so euphorisch und nicht zu skeptisch, irgendeine gesunde Mitte finden, sodass ich KI einsetzen kann, wenn sie wirklich einen Mehrwert schafft und nicht pauschal.

Nochmal danke für deinen Beitrag, der mir beim kontrollieren meiner Annahmen geholfen hat!

* Name von mir verändert